Vorwort der Neuausgabe

Das Historische Ortsverzeichnis von Sachsen hat sich seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahre 1957 als ein unentbehrliches Nachschlagewerk der sächsischen Landes- und Ortsgeschichte erwiesen. Die in den Bibliotheken aufgestellten Exemplare sind infolge der häufigen Benutzung vielfach unansehnlich geworden, zumal auch das damals verwendete Papier der starken Inanspruchnahme nicht standhalten konnte und schon aus äußeren Gründen ein Ersatz notwendig erscheint. Von größerem Gewicht sind jedoch die inneren Gründe, die sich nach fast einem halben Jahrhundert ergeben. Sie liegen in der Notwendigkeit begründet, einerseits die im Laufe der Zeit aufgetretenen sachlichen Fehler zu beseitigen, die bei einem Nachschlagewerk dieser Art nicht ausbleiben konnten, und andererseits dem veränderten Forschungsstand, insbesondere in den Bereichen der Landesgeschichte und der Ortsnamenforschung, Rechnung zu tragen.

Von Anbeginn bestand eine enge Zusammenarbeit mit den Bearbeitern des Historischen Ortsnamenbuches von Sachsen, wofür Prof. Dr. Ernst Eichler und Prof. Dr. Hans Walther, Dr. Dr. Volkmar Hellfritzsch und Erika Weber zu danken ist. Auf diese Weise war es möglich, Artikelstichworte und Ortsnamenüberlieferung weitgehend mit dem bereits 2001 erschienenen Werk abzustimmen, so dass eine ursächliche Bezogenheit und wechselseitig ergänzende Benutzbarkeit beider nun vorliegender Lexika erreicht werden konnte. Hierbei erfüllt das Historische Ortsnamenbuch die Aufgabe des Sprachlexikons, das ausgehend von der schriftlichen Überlieferung des Ortsnamens dessen Herkunft, Bedeutung und Entwicklung aufzeigt, während das Historische Ortsverzeichnis als historisch-topographisches Sachlexikon vornehmlich Angaben zu Siedlung, Verfassung und Bevölkerung, zu kirchlichen sowie Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen verzeichnet. Gemeinsam mit den Kollegen und Mitstreitern Hans Walther und Ernst Eichler haben wir das aus dem Boden der Leipziger sprachwissenschaftlichen Schule von Theodor Frings aufgewachsene, von unserem Lehrer Ludwig Erich Schmitt in Gang gesetzte Forschungsunternehmen sprachwissenschaftlich-landeskundlicher Lexika durch alle Fährnisse der Zeit hindurch vorantreiben können und sehen uns nun in hohem Alter mit tiefer Genugtuung in der Lage, die in kurzen Abständen nacheinander erschienenen Werke zu vollenden.

Neben die erweiterte Aufbereitung der schriftlichen Quellen durch die Ortsnamenforschung treten die Ergebnisse zahlreicher landesgeschichtlicher Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte, die eine Überarbeitung historischer Belege, insbesondere zur mittelalterlichen Überlieferung, zu Aspekten städtischer Verfassung, zu Burg und Adel oder auch zur Wüstungsforschung, dringend erforderlich machten.

Ein weiterer Anlass für die Neubearbeitung des Historischen Ortsverzeichnisses liegt in der territorialen Neugestaltung des bearbeiteten Gebietes. Als ich im Herbst 1951 die Aufgabe zur Erstveröffentlichung übernahm, bestand das Land Sachsen im Wesentlichen noch in seinen Grenzen, wie sie auf dem Wiener Kongress im Jahre 1815 geschaffen und 1945 infolge der Auflösung Preußens festgelegt worden waren. Im Jahre 1952 fiel das Land Sachsen den Umgestaltungen zum Opfer, die von der herrschenden SED im Zuge der Abschaffung der Länder und der Einrichtung eines straff organisierten, als DDR bezeichneten Einheitsstaates betrieben worden waren. Ungeachtet dieser tiefgreifenden Neugestaltung enthielt das fünf Jahre später erschienene Historische Ortsverzeichnis von Sachsen kaum Angaben zu diesen Veränderungen, wie auch die im Jahre 1953 umbenannte Stadt Chemnitz unter ihrem jahrhundertealten Namen eingeordnet wurde und „Karl-Marx-Stadt“ nur als bescheidene Namensvariante im Register erschien.

Auch die alte, bis um die Jahrhundertmitte bestehen gebliebene Verwaltungsgliederung des Landes in Amtshauptmannschaften wurde für die Veröffentlichung beibehalten, zumal das gesamte, in Jahrzehnten aufgewachsene Zettelmaterial in dieser Weise geordnet war und die damals zu erwartenden Benutzer des Ortsverzeichnisses ihr Heimatland Sachsen in dieser Art und Weise erlebt hatten. Seitdem ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Infolge der friedlichen Revolution des Jahres 1989, die von Sachsen ausgegangen und als eine der großen politischen Leistungen der Menschen in Sachsen zu verstehen ist, haben sich der äußere Umfang, die innere Gliederung und die verfassungsmäßige Gestalt Sachsens erneut geändert. Gegenüber dem Stand im 19. und 20. Jahrhundert ist Sachsen größer geworden, indem ihm alte sächsische Gebiete durch Volksabstimmung in den Kreisen Delitzsch, Eilenburg, Torgau, Hoyerswerda und Weißwasser wieder zugewachsen sind. Die neue Kreiseinteilung, wie sie in den Jahren 1991 bis 1996 festgeworden ist, hat mit den Kreisen der Jahre 1939 bzw. 1952 bis 1994 nichts mehr zu tun. Die heutigen Bewohner des Landes haben keine Beziehung mehr zur alten Struktur der Amtshauptmannschaften aus den Jahren 1873 bis 1939, selbst wenn sie sich mit der Geschichte des Landes verbunden fühlen.

Die flächenhafte Abbaggerung von Dörfern und ganzen Landschaften in Nordwestsachsen und in der nordöstlichen Oberlausitz hat die Landschaft und die Gemeindestruktur tiefgreifend verändert. Wenn man von den Erfahrungen der letzten 50 Jahre ausgeht und gegenwärtige Entwicklungen über noch bevorstehende Verwaltungsreformen in Sachsen beobachtet, dann ergibt sich eine grundsätzliche Unsicherheit in Bezug auf die Beständigkeit innerstaatlicher Verwaltungsgrenzen.

Nicht zuletzt aus diesem Grunde wurde die innere Gliederung des Ortsverzeichnisses von 1957 nach Amtshauptmannschaften durch die rein alphabetische Ordnung der Ortsartikel ersetzt. Dies rechtfertigt sich aus der Tatsache, dass der Ort als kleinste Siedlungseinheit der einzige dauerhafte Baustein im Gefüge des Landes ist, sieht man von denjenigen Orten ab, die infolge einschneidender Veränderungen der Kulturlandschaft, insbesondere im Verlaufe des spätmittelalterlich/frühneuzeitlichen Wüstungsprozesses sowie durch den Braunkohlentagebau im 20. Jahrhundert, untergegangen sind. An die Stelle des Ortsregisters der Erstausgabe tritt nun ein Register historischer Ortsnamenformen, das als Hilfsmittel für die Zuweisung abweichender Namenformen angeboten wird.

Im Vergleich zum Verzeichnis von 1957 ist der Ortsbestand der Neuausgabe um reichlich 1000 Ortsartikel auf nunmehr fast 6000 Artikel angewachsen. Davon sind allein 580 neu erfasste Orte auf den Gebietszuwachs im Nordwesten des heutigen Freistaates Sachsen zurückzuführen. Für diese Orte mussten die Angaben in allen Gliederungspunkten aus Quellen und Literatur erschlossen werden.

Gegenüber dem Umfang des Landes Sachsen von 1952 hat die Neubegründung des Freistaates Sachsen im Jahre 1990 in der nordwestlichen Oberlausitz um Ruhland und im Vogtland Verluste an 33 Orten zur Folge gehabt; einige weitere Orte im Vogtland waren bereits 1928 infolge eines Gebietsaustausches an Thüringen abgetreten worden. Da diese Orte in der ersten Ausgabe enthalten sind, wurden sie auch in der Neubearbeitung beibehalten. Das Gleiche gilt für etwa 30 Dörfer östlich von Zittau, die seit 1945 zu Polen gehören, deren historische Daten aber bis dahin im Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen erscheinen.

Als ich mich nach der Wiederherstellung des Freistaates Sachsen im Jahre 1990 und dem Neubeginn der Arbeit an der sächsischen Landesgeschichte seit 1992 vor der Möglichkeit sah, eine Neubearbeitung des Historischen Ortsverzeichnisses von Sachsen in Angriff zu nehmen, standen gegenüber der Zeit vor 50 Jahren neue Fachkollegen und jüngere Fachkräfte zur Verfügung, die zur Mitarbeit bereit waren. Für erste Beratungen über eine mögliche Neugestaltung des Ortsverzeichnisses danke ich Dr. Manfred Kobuch und Dr. Werner Stams, die für eine Erweiterung des bisherigen Acht-Punkte-Schemas eintraten.

Von größter Bedeutung für das ganze Vorhaben war es, dass Dr. Susanne Baudisch in einem befristeten Forschungsvorhaben für die Mitarbeit gewonnen werden konnte. Sie hat von der Arbeit an der Siedlungs- und Verfassungsgeschichte Nordwestsachsens ausgehend neue methodische Überlegungen in das ganze Unternehmen eingebracht und aufgrund ihrer Erfahrung mit elektronischen Informationsmitteln für eine Modernisierung der Arbeit am Historischen Ortsverzeichnis und für die Überarbeitung seines Inhaltes, insbesondere der mittelalterlichen Überlieferung, gesorgt. Ihr oblagen Projektkoordination und wissenschaftliche Redaktion. Im Ergebnis liegt das Datenmaterial des neuen Historischen Ortsverzeichnisses künftig auch als elektronische Ressource zur Nachnutzung für Wissenschaft und Öffentlichkeit bereit. Geodätische und Gauß-Krüger-Koordinaten vermitteln den Raumbezug zur Kulturlandschaft und eröffnen Möglichkeiten der Visualisierung historischer Sachverhalte in digitalen Kartenwerken.

Nach Ablauf der Projektfrist hat Susanne Baudisch dem Vorhaben weiterhin die Treue gehalten, hat ihm in umsichtiger Weise Unterstützung durch Forschungseinrichtungen und Behörden verschafft und es bis zu seiner Vollendung geführt. Ohne ihre Tätigkeit wäre das Werk in der jetzt vorliegenden Gestalt nicht zustande gekommen.

Im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst hat der Referatsleiter Dr. Gerd Uhlmann in einer schier aussichtslos erscheinenden Lage durch Übernahme des Vorhabens in die Förderung als Projekt Mut gemacht und benötigte Mittel gewährt. Dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. (ISGV) konnte die institutionelle Betreuung des Projektes anvertraut werden. In den Anfangsjahren erfuhr es die wohlwollende Unterstützung durch das Gründungsdirektorium und die Kuratoriumsvorsitzende Ministerialrätin Dr. Eva Wiese. Für die tatkräftige Förderung mit finanziellen und personellen Mitteln bis zur Drucklegung ist vor allem den amtierenden Direktoren Prof. Dr. Winfried Müller und Prof. Dr. Enno Bünz sowie der Bereichsleiterin Geschichte, PD Dr. Martina Schattkowsky, zu danken.

An der Erhebung und Aufbereitung umfangreichen Datenmaterials waren Lieselotte Bormann, Annelie Fitz, Anja Schulz, Thomas Thieme, Gunter Janoschke und Andrea Magirius beteiligt. Mit unermüdlichem Einsatz haben sich zudem Lieselotte Bormann, Annelie Fitz, Anita Hartmann und Dagmar Philipp um die Eingabe enormer Datenmengen in die Ortsdatenbank verdient gemacht. Evelyn Georgi gewährte dem Projekt über Jahre hinweg stete Unterstützung im organisatorischen Bereich. Die programmtechnische Erstellung der Druckvorlage realisierte Dr.-Ing. Frank Demuth, an deren Bearbeitung wirkte Dr. Jens Kunze mit, das Eintragen der modernen sorbischen Ortsnamen übernahm Michael Nuck. In bewährter Weise betreute der Leipziger Universitätsverlag unter Leitung von Dr. Gerald Diesener die nicht unkomplizierte Herstellung der Lexikon-Bände, Dr. Editha Kroß nahm die Mühen der Satzgestaltung auf sich.

Neben der Kooperation mit dem Projekt „Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen“ ist ebenso die Zusammenarbeit mit Prof. Dr.-Ing. Martina Müller und Prof. Dr. Uwe Ulrich Jäschke, Fachbereich Vermessungswesen/Kartographie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (FH), dem Unternehmen zugute gekommen. Institutionelle Unterstützung und fachliche Beratung erhielt das Vorhaben vom Sächsischen Staatsministerium des Innern, Referat Landesstruktur/Raumbeobachtung, vom Statistischen Landesamt des Freistaates Sachsen, Referat Bevölkerung/Haushalte, vom Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamt Sachsens, Referat Statistik, sowie vom Sächsischen Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden.

Wertvolle Hinweise und zweckdienliche Informationen erteilten Prof. Dr. Gerhard Billig, Dresden, Dr. Inge Bily, Klaus Breitfeld und Dr. Luise Grundmann in Leipzig, Helmut Hentschel, Rötha, Uwe John, Erfurt, Dr. Eckhart Leisering, Dr. André Thieme und Dr. Gunda Ulbricht in Dresden, sowie PD Dr. Manfred Wilde, Delitzsch. Die Bereitstellung von umfangreichen Materialien gewährten in dankenswerter Weise Jens Stöckel, OKR Dieter Zuber, Friedemann Arnold und Uta Sommer in Dresden sowie Gabriela Retschke, Kamenz.

Das Historische Ortsverzeichnis von Sachsen konnte ich in seiner ersten Fassung nach einer knapp sechsjährigen Bearbeitungszeit von 1951 bis 1957 im Druck vorlegen. Nach einem neuen Anlauf von wiederum sechs Jahren von 1999 bis 2005 kann ich gemeinsam mit Susanne Baudisch die sachlich und geographisch erweiterte Neufassung der Öffentlichkeit übergeben. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit für ein gnädiges Geschick, das es mir vergönnt hat, dieses Grundlagenwerk für die weitere Arbeit an der Erforschung der sächsischen Landesgeschichte in erneuerter Gestalt darzubieten.

 

Dresden, im Oktober 2005 Karlheinz Blaschke